16/52 – Ist das schlimm?

Ist es schlimm, dass ich morgens nicht neben dir aufwache, sondern manchmal neben ihm, manchmal neben ihr und manchmal nur mit mir selbst?
Ist es schlimm, dass ich den Sonnenuntergang nicht mir dir ansehe, sondern manchmal mit ihnen und manchmal nur mit mir selbst?
Ist es schlimm, dass ich keinen Tisch für dich und mich reserviere, sondern für mich und sie oder manchmal auch nur für mich?
Ist es schlimm, dass es dich nicht gibt?


Du bist überall, aber du bist nicht bei mir. Du bist auf dem Buchcover in dem kleinen Laden an der Ecke, du bist auf dem riesigen Plakat am Kino. Ein weiterer Film in einem weiteren Kinosaal, der in jeder Stadt gleich aussieht. Individualität gibt es nicht mehr. Es soll dich in meinem Leben geben, wie in jedem anderen auch.


Du bist der, von dem meine Eltern wahrscheinlich gehofft haben, dass er nicht zu bald in mein Leben tritt, damit sie keine Gespräche mit mir führen müssen, die ihnen unangenehm sind. Aber als du nichts kamst oder zumindest nicht früh genug, da war das auch komisch. Ist das schlimm?
Du bist der, nach dem ich bei jedem Familientreffen gefragt werde. Ich werde nicht gefragt, ob ich will, dass es dich gibt, ich werde gefragt, ob es dich gibt und warum denn nicht und wann wird es endlich so weit sein. Sie und er und dies und jenes, das interessiert sie nicht, nur du. Ist das schlimm?


An Weihnachten, am Valentinstag, aber auch an so vielen anderen Tagen, werde ich mitleidig angesehen, weil es dich nicht gibt. Denn ohne dich, wie könnte ich etwas anderes sein, als miserabel? Wie könnte es zu meinem Glück reichen, dass es mich gibt und sie und sie und ihn und diesen Sonnenschein und dieses gute Buch und diesen Erfolg und diese Reise und alles andere?
Und dann sagen sie Dinge wie „Du wirst schon jemanden finden“ oder „Du bist zu erfolgreich und selbstständig, das mögen Männer nicht“ oder „Du hast zu hohe Ansprüche“, als ob das Leben eine Auktionshalle ist und ich gleichzeitig die Bieterin bin und das Ding, das versteigert wird. Ich soll mehr bieten, nicht so viel erwarten, denn all die guten Sachen werden knapp und alles ist besser, als mit leeren Händen nach Hause zu gehen, auch wenn zu Hause blaue Flecken oder Schreie oder einfach nur Unzufriedenheit warten. Außerdem soll ich mehr sein, mehr Frau, aber bitte nicht wie alle anderen, denn Frauen sind dumm und denken immer nur an Make-Up und Schuhe und haben keine Ahnung von der Welt. Manchmal denke ich auch an Schuhe und von vielen Dingen in der Welt habe ich keine Ahnung. Ist das schlimm? Aber ich soll auch nicht zu sehr anders wie alle anderen sein, denn du willst mein Beschützer sein, der Brotverdiener und deine Freude machen sich über dich lustig, wenn du für mich einen Kompromiss eingehst. Dabei brauche ich deinen Schutz nicht, ich möchte nur deine Unterstützung, Brot kann ich selbst kaufen und echte Kompromisse sind kein Zeichen von Schwäche. Wie soll ich etwas kaufen, wenn ich gleichzeitig mich selbst verkaufe?


Ich wurde nie gefragt, ob ich dich will. Mir wurde nur gesagt, dass du irgendwann kommst und mit dir eine Menge Ereignisse. Es hieß nie „falls du einen Freund hast“, „solltest du mal heiraten“, „für den Fall, dass du Kinder hast“, sondern „wenn“, „wenn“, „wenn“. Wenn, dann würde ich das verstehen, dann würde ich dies anders machen, dann fände ich das auf einmal in Ordnung und jenes nicht mehr. Als wäre ich plötzlich ein anderer Mensch, nur durch dich, und als wäre diese Version von mir viel mehr wert als die jetzige. Ist das schlimm?
Aber du bist nicht da. Ich habe dich getroffen, in unterschiedlichen Varianten, mit unterschiedlichen Versionen meiner selbst. Doch jedes Mal gab es einen Grund, warum du dann doch nicht du warst. Manche finden das viel schlimmer, als wenn es dich nie gegeben hätte. Ist das schlimm?


Ist das schlimm, dass es dich nicht gibt? Ich glaube nicht. Vielleicht will ich gar nicht, dass es dich gibt. Vielleicht doch. Ich weiß es nicht. Ist das schlimm?

Die nächste Kolumne erscheint am 29.11.2020.

Autor: Silvia

Silvia Klein ist freiberufliche Autorin und Lektorin.. Seit ihrem Abitur im Jahr 2016 reist sie durch Deutschland und Europa, schreibt über ihre Erlebnisse und studiert Philosophie und Volkswirtschaft. Wenn sie nicht gerade an ihrem Schreibtisch oder in einem Zug sitzt, übt sie Yoga, verliert sich in einem guten Buch oder plant ihre nächsten Abenteuer. Aktuell lebt sie in Bayreuth

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